Das Auto in der mobilen Gesellschaft – und die Analogie zu Informatik und Medienerziehung

“Alle sollten in einer mobilen Gesellschaft ein Auto fahren können. Aber nicht alle müssen auch wissen, wie es im Detail funktioniert oder gebaut wird.”

wird der Sprecher der Hamburger Bildungsbehörde, Peter Albrecht, in einem Kommentar von Jens-Meyer-Wellmann zitiert. Im Rahmen dieser Diskussion habe ich den folgenden Text verfasst, in dem die gewählte Analogie genauer untersucht wird. Eine leicht überarbeitete Fassung veröffentliche ich nun hier.

Die obige Aussage verwundert zunächst an sich, sind doch wesentliche Anteile der Funktionsweise eines Autos fachliche Inhalte des Hamburger Rahmenplans Naturwissenschaften und Technik:

  • Verbrennungs- und Elektro-Motor (S. 52), Fahrzeugantriebe (S. 57)
  • Heizwerts eines Brennstoffs (S. 52)
  • Getriebe (S. 36)
  • Vergleich verschiedener Energiewandler bzgl. ihres Wirkungsgrades (S. 52)
  • Treibhauseffekt, Klimawandel (S. 52)
  • Erdöldestillation, Batterien, Akkumulatoren, Brennstoffzellen (S. 47)

Offenbar ist die Behörde also durchaus der Meinung, dass Detailkenntnisse über die Funktionsweise eines Autos allgemeinbildend sind. Auch wenn das Schweißen bspw. der Berufsbildung vorbehalten bleibt, ist doch ein Einblick in die Konstruktion eines Fahrzeugs verpflichtend vorgesehen: Nach den Mindestanforderungen schon der Klasse 6 sind:

  • wesentliche Merkmale von Fahrzeugen zu benennen (S. 22),
  • Funktionsmodelle zu bauen bzw. zu konstruieren (S. 22),
  • Fahrzeugeigenschaften zu bewerten (S. 23).

Das angesprochene Fahren eines Autos ist hingegen nicht Teil des Pflichtkanons der Hamburger Schulen. In der Querschnittsaufgabe Verkehrserziehung ist das Ziel, dass die Schülerinnen und Schüler sich im Straßenverkehr zunehmend selbstständig, sicher und mitverantwortlich verhalten lernen (Grundschule) und sich (Stadtteilschule) mit den Anforderungen des heutigen Verkehrs, seinen Auswirkungen auf die Menschen und die Umwelt sowie mit der Entwicklung einer zukunftsfähigen Mobilität auseinandersetzen. Die Bewertung der Auswirkungen auf die Umwelt setzt dabei maßgeblich voraus, dass die Schülerinnen und Schüler im naturwissenschaftlichen Fachunterricht Einblick in die Funktionsweise von Autos gewonnen haben.

Übertragen auf die Gebiete Medienerziehung und Informatik lässt sich Folgendes feststellen:

Aufgabe der Schule ist es einerseits, Bedienkompetenz für Medien zu schulen. Dazu gehören heute explizit auch digitale Medien, etwa das WWW, digitale Fotografie oder digitale Audiobearbeitung. Damit untrennbar verbunden sind die Bereiche der persönlichen Sicherheit (Datenschutz) und der Kenntnis von Umgangsregeln (Netiquette, digitales Mobbing). Wie im Straßenverkehr die Verkehrserziehung ist hier die Medienerziehung gefordert, diese wichtigen Teile des täglichen Lebens fundiert zu begleiten.

Andererseits ist es erforderlich, dass die Schule sowohl die Grundlagen vernetzter Informatiksysteme vermittelt als auch eine Problemlösekompetenz, die algorithmisches Denken einschließt. So wie die Schülerinnen und Schüler Fahrzeuge konstruieren, Antriebe untersuchen und Energieumwandlungen beschreiben, müssen sie auch in der Lage sein, gesteuerte Systeme zu konzipieren und umzusetzen und Erkenntnisse aus der Analyse von Daten gewinnen.

Weiterreichende gesellschaftliche Folgen der Digitalisierung sind nur auf der Grundlage technischer Kenntnisse zu beurteilen. Nur mit dem Wissen um Energieträger, Motoren, chemische Prozesse bei der Verbrennung und globale Erwärmung lässt sich die Problematik des heutigen Verkehrs für die Umwelt einschätzen. Nur mit einem Verständnis für Netzwerke und Verschlüsselungsalgorithmen lässt sich bspw. bewerten, ob der Vorschlag, in Zukunft zu Hause am PC zu wählen (vgl. z. B. die Diskussion in Schleswig-Holstein), geeignet ist, die Demokratie zu befördern. Und nur mit einem Verständnis von Datenschutz und Auswertungsmöglichkeiten lässt sich beurteilen, ob das selbstfahrende Auto nur eine angenehme Erleichterung ist oder ob es das Netz der Überwachung nur noch engmaschiger macht.